Manch unwahre Geschichte wird so oft von Generation zu Generation weitergetragen, dass sie irgendwann für wahr gehalten wird. Für dieses Phänomen gibt es im Englischen die passende Bezeichnung „urban myth“ – frei übersetzt in etwa: Moderne Sage. Was das mit der Frage zu tun hat, warum beim Porsche 911 das Zündschloss links neben dem Lenkrad sitzt? Nun, dazu müssen wir ein klein wenig ausholen. Denn wir suchen die Antwort auf diese Frage mal ganz wissenschaftlich und logisch, um ein für alle Mal zu klären, wieso in Porsches der Schlüssel wirklich links sitzt.
Welche konkurrierenden Geschichten gibt es zum links neben dem Lenkrad montierten Zündschloss bei Porsche?
Im Grunde genommen gibt es zwei Antworten auf die Frage, warum bei Porsche das Zündschloss links neben dem Lenkrad ist, die immer wieder auftauchen. Die erste und am häufigsten genannte Antwort bezieht sich dabei auf den Rennsport, genauer gesagt auf die 24 Stunden von Le Mans. Damals liefen beim Rennstart die Fahrer von der einen Straßenseite zu ihren Autos auf der anderen Seite, stiegen ein, ließen den Motor an und fuhren los. Um diesen Prozess so einfach und schnell wie möglich zu gestalten, soll bei Porsche der Schlüssel zum Starten links positioniert worden sein. Denn so konnten die Fahrer mit der linken Hand starten, mit der rechten gleichzeitig den ersten Gang einlegen und sofort losfahren.
Die zweite gängige Antwort klingt deutlich weniger aufregend, passt dafür allerdings zum Klischee der sparsamen Schwaben. Porsche begann mit dem Bau der ersten eigenen Fahrzeuge kurz nach dem Zweiten Weltkrieg. Zu dieser Zeit des Wiederaufbaus in Europa war Material knapp und teuer. Deshalb soll Porsche sich überlegt haben, das Zündschloss links neben dem Lenkrad zu positionieren. So sollte etwas Kabellänge vom Zündschloss zum Anlasser und damit teures Kupfer eingespart werden.
Was war zuerst da? Das Zündschloss links oder Le Mans?
Um dieses spezielle Henne-Ei-Problem zu lösen, lohnt ein Blick in die Geschichtsbücher – wie zum Beispiel die Geschichte vom Porsche 356 Nr. 1 Roadster. Der Roadster war das erste Auto, das unter dem Namen Porsche am 8. Juni 1948 seine allgemeine Betriebserlaubnis bekam. Und ebenjener Porsche 356 Nr. 1 Roadster hatte bereits das Zündschloss links! Ein erstes Indiz für die Theorie von Sparsamkeit und Effizienz? Jein. Denn historische Aufnahmen belegen, dass der 1950er Porsche 356/2 das Zündschloss wiederum rechts neben dem Lenkrad hatte. Porsche 356 pre-A hatten das Zündschloss dann wieder links. Die Verwirrung ist perfekt.
Noch diffuser wird es beim Blick auf Porsches erste Teilnahme bei den 24 Stunden von Le Mans. 1951 traten erstmals Sportwagen aus Zuffenhausen an der Sarthe an, genauer gesagt mit zwei Porsche 356/4 SL Coupés. Die Startnummer 46, pilotiert von Auguste Veuillet und Edmond Mouche errang im ersten Anlauf den Sieg in der Klasse bis 1,1 Liter Hubraum. Das gelang jedoch ohne den vermeintlichen Vorteil des Zündschlosses auf der linken Seite. Denn bei ihm lag es mittig im Fahrzeug, rechts vom Lenkrad.
War bei späteren Einsätzen in Le Mans von Porsche das Zündschloss links?
Sollte Porsches Positionierung des Zündschlosses links also so gar nichts mit Le Mans zu tun haben? Hatten die Porsche-Rennwagen jemals den Zündschlüssel links? Um das herauszufinden, werteten wir die Meldelisten der 24-Stunden-Rennen an der Sarthe aus. 1952 waren abermals die 356/4 in Le Mans am Start. Also keine Änderung. 1953 startete die Porsche KG mit zwei 356/4 und zwei 550 Coupés, die bis 1959 den Werkseinsatz prägten. Diese Porsche 550, die heute siebenstellige Beträge kosten, hatten das Lenkrad links und das Zündschloss auf der rechten Seite.
1956 ergänzte Porsche das Le-Mans-Aufgebot dann um einen 356 Carrera 1500. Bei diesen ab 1955 erhältlichen Sportmodellen der 356-Baureihe mit Königswellen-Motor war das Zündschloss dann auf der linken Seite. Das ist vor allem deshalb interessant, weil die als echte Sportfahrzeuge konzipierten 550-Modelle das Zündschloss rechts und die regulären Straßenmodelle das Zündschloss auf der linken Seite hatten.
1958 schickten die Stuttgarter mit dem 718 RSK reinrassige offene Rennwagen an den Start. Hier müsste der Logik nach ja der Schlüssel links gewesen sein, um schnellstmögliche Starts in Le Mans realisieren zu können, oder? Nein, auch der Porsche 718 RSK hatte das Lenkrad links und den Schlüssel auf der rechten Seite. Das Gleiche gilt auch für seinen Nachfolger vom Typ 718 RS60 und RS61. Selbst der 1960 eingesetzte Porsche 356 B 1600 GS Carrera GTL Abarth hatte, anders als die meisten übrigen 356-Geschwister, das Zündschloss rechts vom Lenkrad.
Erst 1967 trat wieder ein Porsche mit Zündschloss links in Le Mans an
Es dauerte fast zehn Jahre, ehe ein neues Porsche-Modell mit Zündschloss auf der linken Seite in Le Mans an den Start ging. 1967 setzte Porsche erstmals den 907 an der Sarthe ein. Mit ihm wird es besonders. Denn er hat zwar das Zündschloss links, ist aber ein Rechtslenker. Gleichzeitig ist der Schalthebel rechts. Also im Grunde das gleiche Layout wie wir es heute vom 911 kennen, nur mit dem Sitz auf der rechten Fahrzeugseite.
Diese Auslegung als Rechtslenker war damals bei Langstreckenrennen üblich, weil es Vorteile bei der Gewichtsverteilung mit sich brachte. Die meisten Strecken – auch Le Mans – verlaufen im Uhrzeigersinn und haben mehr Rechtskurven. Deshalb wollte man das Fahrergewicht lieber auf der Innenseite der Kurve. Übrigens trat 1967 auch erstmals ein Porsche 911 in Le Mans an. Insgesamt schickte Porsche vier 911 S ins Rennen – allesamt Linkslenker mit dem Zündschloss auf der linken Seite.
Diese Auslegung als Rechtslenker war damals bei Langstreckenrennen üblich, weil es Vorteile bei der Gewichtsverteilung mit sich brachte. Die meisten Strecken – auch Le Mans – verlaufen im Uhrzeigersinn und haben mehr Rechtskurven.
Das 907-Layout als Rechtslenker mit Schaltknauf rechts und Zündschloss links behielt auch der ab 1968 eingesetzte Porsche 908 bei. 1969 nutzte der Porsche 917 im letzten Jahr des klassischen Le-Mans-Starts diese Anordnung erneut. Im Jahr darauf startete das Feld stehend, mit bereits angeschnallten Fahrern. Ab 1971 erfolgte der Start fliegend. Die Position des Zündschlosses oder später Start-Knopfs war fortan nicht mehr von Bedeutung.
Bei 19 Le-Mans-Starts mit Porsche-Beteiligung waren nur fünfmal Fahrzeuge mit dem Zündschloss auf der linken Seite dabei
Unsere Analyse zeigt deutlich: Vor 1967 hatten nur zwei Porsche-Modelle die in Le Mans eingesetzt wurden, das Zündschloss links neben dem Lenkrad. Interessanterweise waren beides 356, also Fahrzeuge auf Basis mehr oder minder „normaler“ Straßenmodelle, während die mit Blick auf Rennsport entwickelten Modelle das Zündschloss bis dahin stets auf der anderen Seite hatten. Erst nach dem Wechsel auf Rechtslenker wanderte das Zündschloss bei Porsches Le-Mans-Rennern auf die linke Seite.
Was stimmt nun? Warum haben viele Porsche den Schlüssel links?
Die Indizien aus dem Rennsport sprechen also dafür, dass Le-Mans-Starts nicht der Grund für die Positionierung des Zündschlosses bei Porsche sind. Denn wenn es wirklich einen Vorteil im Wettbewerb gebracht hätte, hätten die Porsche-Ingenieure ihn auch genutzt. Letztlich war Porsche bis zum Ende der Le-Mans-Starts ohnehin mit zahlreichen Klassensiegen erfolgreich. Der ganz große Wurf in Form eines Gesamtsiegs gelang – trotz für Le-Mans-Starts günstigem Layout ab 1967 – erst als es dieses Start-Prozedere gar nicht mehr gab. Zumal es doch eher die Straßenmodelle waren, bei denen der Schlüssel links vom Lenkrad zum Markenzeichen wurde.
Insofern erscheint es schon etwas verwirrend, dass Porsche selbst offen kommuniziert, dass die Positionierung des Zündschlosses beim 911 auf der linken Seite auf Le Mans zurückgeht. So geschehen zum Beispiel im Prospekt zum Porsche 996. Dort heißt es – frei übersetzt – auf Seite 44 f.: „Als unsere Fahrer zu Beginn eines Rennens ein paar Zehntelsekunden mehr herausholen wollten, haben wir den Schlüssel auf die linke Seite verlegt, damit sie das Auto mit einer Hand starten und mit der anderen gleichzeitig den Gang einlegen konnten.“
In diesem Prospekt zum ersten wassergekühlten Porsche 911, dem 996, wirbt Porsche sogar aktiv damit, dass der Schlüssel links positioniert wurde, um Zeit beim Rennstart zu gewinnen.
Dem steht wiederum die Aussage des langjährigen Leiters des Porsche Museums, Klaus Bischof, entgegen. In einem Interview erklärte er 2008 dem Journalisten Dan Neil, dass das Zündschloss deshalb nach links gewandert ist, weil somit etwas Kabel und damit Geld und Gewicht eingespart werden konnte.
Egal, wo die Wurzeln liegen, das Zündschloss links bleibt ein echtes Porsche-Markenzeichen
Nach dieser Reise durch die Porsche Motorsportgeschichte lässt sich weder die eine noch die andere Geschichte mit Gewissheit verifizieren. Sind vielleicht sogar beide Theorien eher eine der eingangs erwähnten modernen Sagen? Entsprang die heute stilprägende Positionierung des Zündschlosses auf der linken Seite vielleicht sogar einfach nur dem Zufall?
Welcher Porsche hatte zuerst das Zündschloss links?
Bereits der erste je gebaute Porsche, der 356 Nr. 1 Roadster, hatte das Zündschloss links vom Lenkrad.
Hatten danach alle Porsche den Schlüssel links?
Nein, zahlreiche Porsche-Modelle hatten das Zündschloss rechts. Zum Beispiel der 550, alle Transaxle-Modelle (924, 928, 944, 968) und auch der Porsche 914 hatten das Zündschloss rechts neben dem Lenkrad. Selbst einige Porsche 356 hatten das Zündschloss auf der rechten Seite, wie der 356 Zagato oder der 356 A Speedster.
Ist das Zündschloss beim Porsche 911 immer links?
Ja, zumindest bei Porsche 911 mit dem Lenkrad auf der linken Seite ist das Zündschloss auch immer links. Bei Rechtslenkern ist es umgekehrt, hier ist das Zündschloss auf der rechten Seite des Lenkrads. Außerdem ist beim Porsche 992.2, also ab Modelljahr 2025, bei den meisten Modellen ein Zündknopf verbaut. Nur noch der GT3 und dessen Derivate haben derzeit einen Drehschalter.
Warum ist in vielen Porsches das Zündschloss links?
Diese Frage wird sich vermutlich nie zweifelsfrei lösen lassen. Während der langjährige Leiter des Porsche Museums von einer Sparmaßnahme der Nachkriegszeit spricht, ist in offiziellen Prospekten davon die Rede, dass es aus dem Rennsport kommt, um dort Zeit beim Le-Mans-Start zu sparen. Vermutlich steckt in beiden Varianten ein Fünkchen Wahrheit.
Es spielt letztlich keine Rolle, denn das Ergebnis bleibt das Gleiche: Ein Porsche 911 ist in vielerlei Hinsicht unkonventionell. Er hat als eines der letzten modernen Fahrzeuge einen Heckmotor, ist stilistisch seit mittlerweile sechs Jahrzehnten immer er selbst geblieben und hat das Zündschloss nun mal links. Punkt. Und so wird es vermutlich auch immer bleiben – egal ob nun ursprünglich aus Sparzwang oder wegen der Suche nach Vorteilen im Motorsport.