Wie ich Porsche lieben lernte

Wie ich Porsche lieben lernte

17.10.2018 / Von Markus Klimesch

Immer wieder erreichen uns Emails mit spannenden Geschichten von unseren treuen Lesern und Fans des Elferspot Magazins. Das freut uns natürlich sehr. Nicht alle können wir veröffentlichen und dafür bitten wir um Verständnis. Diese schöne Geschichte von Richard Lindhorst möchten wir euch aber auf keinen Fall vorenthalten. Richard erzählt uns ausführlich, wie er zum Porsche Liebhaber geworden ist. Und wie so oft bei dauerhaften Liebesgeschichten, war der Beginn etwas holprig beziehungsweise wurde es eine Liebe auf Umwegen.

Manche Dinge versteht man erst, wenn man älter wird, oder: Wie ich Porsche lieben lernte.

Von Richard Lindhorst

Als junger Mensch verkennt man ja oftmals Dinge, die einem später sehr ans Herz wachsen. Jeremy Clarksons Analogie mit dem „grown up food“ gefällt mir da ganz außerordentlich. Welches Kind mag schon den Geschmack von Oliven? Auch ich habe in meiner Jugend etwas verkannt. Und zwar die Faszination der Marke Porsche.

Welches Kind mag schon den Geschmack von Oliven?

Es muss etwa Mitte der 90er Jahre begonnen haben. Meine Grundschulfreunde und ich gierten nach Autos, die wir auf Hochglanzpostern bewunderten, aber nie auf der Straße zu Gesicht bekamen. Was den Kids der 80er der Countach oder der 512 BBi, war für uns der McLaren F1 oder die Chrysler bzw. Dodge Viper. Durch Computerspiele kamen wir sogar dazu, diese Autos „ausprobieren“ zu können. Von Need for Speed über Viper Racing und Gran Turismo konnten wir fast alle erdenklichen automobilen Feuchttraumszenarien durchspielen. Insbesondere Gran Turismo sorgte dafür, dass japanische Sportwagen, welche zu dieser Zeit in Deutschland zu einer eher seltenen Spezies gehörten, den größten Reiz auf uns ausübten.

Porsche 996 Carrera

Eine Marke war damals nie im Fokus: Porsche. Nicht zuletzt deshalb, weil man in Gran Turismo auch keinen fahren konnte… Das änderte sich erst mit dem Millennium und dem Erscheinen des fünften Teils der „Need for Speed“ Reihe: Porsche unleashed. Dort konnte man sich durch die etwa 50-jährige Firmengeschichte der Stuttgarter Nobelmarke fahren. Beginnend beim 356 arbeitete man sich durch die Jahrzehnte und fuhr am Computer alles über Vierzylinderboxer, luftgekühlte Elfer, bis hin zu echten Rennwagen aus der Porsche Motorsportabteilung.

Das erste „Aha-Erlebnis“ beim Durchspielen des grandiosen, als Evolution betitelten Karrieremodus hatte ich in der Transaxle-Ära. Die Klappscheinwerfer und die Spoilerlippe an der kuppelartigen Heckscheibe des 944 hatten es mir angetan. Viel mehr noch als die luftgekühlten 911er. Die waren mir irgendwie zu plump und ich empfand sie damals als nicht sonderlich ästhetisch. Der heilige Gral des Spiels war dann der Porsche 996 Turbo. Dieser war sozusagen die finale Belohnung des Evolutionmodus. Wie sehr die Faszination dieses Spiels noch nachhallte, sollte sich gute zehn Jahre später zeigen.

Wir schreiben das Jahr 2011. Geprägt durch die Familie war ich zum BMW-Fan geworden. Ich hatte vor knapp einem Jahr einen BMW E39 530i gekauft. Damit war es der dritte E39 in der Familie. Ein zeitloses Auto mit tollen Langstreckenqualitäten, keine Frage. Doch irgendwann wurde mir die 1,6 Tonnen Limousine zu schwerfällig. Es musste etwas Sportlicheres her. Die Optionen waren zu Beginn dieses Jahrzehnts noch vielfältig und vor allem günstig. Ein E30 stand genauso auf der Liste, wie ein Mazda MX-5. Damals gab es beide noch für unter 3.000 Euro in gutem Zustand. Durch ein Posting in einem Forum zu den besten Rennspielen der letzten 20 Jahre erinnerte ich mich dann wieder an den fünften Teil der NfS-Reihe. Da waren doch diese Transaxle-Modelle. Ich schaute mich nach Porsche 944 und 924S um und stellte fest, dass diese ja für erstaunlich wenig Geld den Besitzer wechseln. Man konnte tatsächlich für um 5.000 Euro einen echten Porsche erstehen. Mit TÜV, Scheckheft und allem drum und dran!

Im März 2011 fand ich dann einen indischroten 924S in Heilbronn. Zwar hatte der zu diesem Zeitpunkt noch gern als Hausfrauenporsche verpönte 2+2-Sitzer insgesamt 7 Vorbesitzer und 202.000 Kilometer, aber eine vernünftige Historie und der Verkäufer wirkte seriös. Ein Freund aus Karlsruhe begutachtete den Wagen vorab und bescheinigte mechanische Gesundheit. Obwohl ich vorher noch nicht einen Porsche gefahren hatte, wollte ich unbedingt eine „Transe“, wie die Transaxleporsches in Fachkreisen auch genannt werden. Die Kombination aus der großen Glaskuppel, spannender, aber gleichzeitig wartungsfreundlicher Transaxle-Technik, dem bulligen 2,5 Liter Motor und dem geringen Gewicht schien mir vielversprechend.

Ich suchte mir eine Mitfahrgelegenheit von Hamburg nach Heilbronn und wie der Zufall es so will, landete ich beim Pressesprecher der Porsche Motorsport-Abteilung, Oliver Hilger in seinem Porsche Cayenne Turbo S. Nach etwa 6 Stunden Fahrt und allerlei Benzingesprächen stand der hagere, aus dem Elsass stammende Nicolas mit dem 924 an der als Treffpunkt vereinbarten Tankstelle. Nicolas fuhr den Wagen als Winterauto und berichtete mit sympathischem französischem Akzent über die durchgeführten Wartungsarbeiten. Der Zahnriemenwechsel war frisch gemacht, die Kupplung bereits erneuert, ein Ersatzgetriebe und frische Winterreifen gab es zum Kaufpreis von 4.500 Euro mit dazu. Ich konnte kaum fassen, dass ich kurz vor meinem 22. Geburtstag meinen ersten eigenen Porsche besitzen würde.

Die gut 600 Kilometer lange Heimreise mit dem neu erworbenen Sportcoupé Baujahr 1986 verlief, wie erwartet. Das Auto war wendig, sehr gut ausbalanciert, hatte eine überaus gefühlvolle Lenkung und der Motor bot hervorragende Fahrleistungen. Die 150 Pferde reichten, um den 1.180 Kilogramm leichten Youngtimer auch im fünften Gang noch munter in den Begrenzer zu beschleunigen. Das alles bei einem Durchschnittsverbrauch von knapp über zehn Litern Super Plus auf 100 Kilometer. Weniger verbrauchte der Fünfer auch nicht.

Das Auto faszinierte mich vom ersten Meter an. Auch wenn die Sitzposition mit 1,95 Metern Körpergröße gewöhnungsbedürftig und das originale Dreispeichenlenkrad etwas zu groß war, ließ sich das Auto vollkommen spielerisch bewegen. Beim Abbiegen konnte man das Heck mit Leichtigkeit etwas schwänzeln lassen, ohne Kontrollverlust befürchten zu müssen. Kurzum: Ich war verliebt und in den Bann der Stuttgarter Marke gezogen. Alles war da, wo es sein sollte. Kein Schnickschnack, einfach nur eine reine Fahrmaschine, ohne elektronische Helferlein.

Gute sechs Jahre begleitete mich der 924S im Alltag. Er machte mich zu einem besseren Fahrer und sorgte jeden Tag für ein Grinsen in meinem Gesicht. Damals war ich übrigens noch der Meinung, ein Elfer käme mir nur ins Haus, wenn es sich um einen GT3 handelt. Die „normalen“ Elfer erwischten mich einfach nicht so sehr auf der emotionalen Seite. Nach etwa 100.000 gemeinsamen Kilometern und vielen schönen Abenteuern ging unsere gemeinsame Reise im Mai 2017 zu Ende.

Ich konnte kaum fassen, dass ich kurz vor meinem 22. Geburtstag meinen ersten eigenen Porsche besitzen würde.

Porsche 996 Carrera

Fortan war ich ein also ohne Porsche unterwegs, schaute jedoch immer wieder die Inserate in den üblichen Börsen durch. Eigentlich war mein Traumwagen ein Cayman 981, doch die Preise wollten und wollten nicht fallen. Der letzte Cayman mit Sechszylinder Saugmotor gilt mittlerweile als Wertanlage. Daher schaute ich schon nach dem Vorgängermodell 987. Nach einer Probefahrt war ich jedoch vom Innenraum und dem kleinen 2,9 Liter Boxer nicht wirklich begeistert, sodass ich ernüchtert zurückblieb und mich schon einige Jahre ohne eigenen Porsche gesehen hatte. Zwischenzeitlich fuhr ich auch mal verschiedene BMW Z3 und Z4 Coupés, da mich die Optik so anmachte. Doch beim Fahren wollte auch beim Turnschuh und seinem Nachfolger keine Begeisterung aufkommen. Bei einer Probefahrt zu einem Z3 fuhr ich jedoch mit Frank, dem Besitzer eines 2.8er Coupés, in einem luftgekühlten RS 2.7 Clone zur Garage. Diese Fahrt hinterließ einen bleibenden Eindruck. Der raue Klang des Boxermotors, die irrsinnig gute Traktion und die Simplizität des Autos erinnerten mich daran, dass ich einen Porsche fahren will und keinen BMW als Kompromisslösung.

So kam ich, trotz der unsäglichen Diskussionen über Zwischenwellenlager und Laufbuchsenbeschichtungen, immer wieder auf den 996. Mit der klassischen Spiegeleischeinwerferform ist der schmale 996 vor dem 2002er Facelift für mich ohnehin der schönste Elfer, besonders als GT3. Der Neuanfang ohne Rundscheinwerfer gibt dem Auto eine gewisse Eigenständigkeit und hebt ihn aus den nunmehr sieben Generationen vom Urmodell bis zum 991 etwas heraus. Meine Freundin war mittlerweile derart genervt von meiner neuen Lieblingsbeschäftigung, nämlich der Autosuche, dass sie mich fragte, ob wir nicht endlich mal losziehen und einfach einen kaufen sollten. Die Kriterien wurden immer enger gefasst. Ein später 3.4 Carrera 2 mit Schaltgetriebe sollte es werden. Wichtig war mir, dass es ein Auto wird, welches regelmäßig gewartet und auch regelmäßig bewegt wurde. GT3-Lenkrad und lackierte Mittelkonsole waren die Must-Haves für den Innenraum.

Im Oktober 2017 entdeckte ich dann einen passenden 996 mit guter Historie und ohne jede Nachlackierung bei einem Händler in Hamburg. Der Wagen machte einen hervorragend gepflegten Eindruck. Alle Felgen waren makellos, Reifen und Bremsen neuwertig, eine Sportauspuffanlage war auch an Bord. Der Innenraum gefiel mir in natura noch deutlich besser als auf Bildern. Gut gealtert ist er mit seinen runden Knöpfen und den weichen Linien in der Mittelkonsole.

Der Verkäufer war ob des draußen tobenden Herbststurms Xavier etwas nervös und musste erst zu einer Probefahrt überredet werden. Bei feinstem Hamburger Schietwetter fuhr ich nun also das erste Mal einen 996. Mit dem Verkäufer auf dem Notsitz hinter meiner Freundin. Wir fuhren auf den nassen Straßen mehr oder weniger Slalom um die heruntergefallenen Äste, sodass mich die Lenkung sofort fasziniert hat. Wie schon im 924 war jede Unebenheit sofort durch das Lenkrad spürbar. Ohne großes Spiel und mit sehr direkter Übersetzung funktioniert die Lenkung fast schon telepathisch. Hinzu kommt die, selbst für mich mit Schuhgröße 47, perfekte Anordnung der Pedale und das knackige Getriebe mit dem Sportschaltknauf. Anbremsen mit Zwischengas beim Runterschalten? Ab dem ersten Versuch perfekt. Der Motor zeigte sich drehfreudig und sehr elastisch, sodass man auch im sechsten Gang mit 40 km/h durch die Hamburger Innenstadt rollen konnte.

Wie sollte es auch anders sein, ich war also erneut verliebt in ein Auto, das sich in Weissach seine Sporen verdient hatte. Wieder war es ein Porsche, der ein stiefmütterliches Dasein pflegte. Wer vor wenigen Jahren noch seine Zuneigung zu einem der ersten wassergekühlten Elfer öffentlich machte, musste damit rechnen, von Porsche-Puristen als Ketzer beschimpft zu werden. Das machte mir beim 924 schon nichts aus und war mir auch beim 996 egal. Wenn man die Vorurteile beiseite schiebt, wird man mit einer großartigen Mischung aus modernen Annehmlichkeiten und klassischen Elfer-Tugenden belohnt. Großartige Lenkung, drehfreudiger Motor, schier grenzenlose Traktion und im Notfall auch mal Platz für die Kinder.

Porsche 996 Carrera

Ich unterschrieb nach einer Besichtigung des Fahrzeugs auf der Hebebühne den Kaufvertrag und hatte vor meinem 30. Geburtstag meinen ersten Elfer gekauft. Kein GT3, sondern ein ganz einfacher Carrera 2 aus der günstigsten Baureihe. Wie schon beim 924 parkte in meiner Garage fortan also ein Porsche, der nach wie vor etwas unter dem Radar fliegt. Einer, den nicht alle mögen, der polarisiert. Beim 924er hat sich das im Laufe der Jahre geändert. Ob es auch beim 996 so kommen wird? Egal. Bis dahin genieße ich es, den „Arme-Leute-Elfer“ zu fahren. Und wie es so mit dem „grown up food“ läuft, finde ich sogar langsam Gefallen an den luftgekühlten Elfern. Manche Dinge versteht man eben erst, wenn man älter wird.

Manche Dinge versteht man eben erst, wenn man älter wird.

Porsche 996 Carrera
Text: Text: Richard Lindhorst
Ihr findet Richard auch auf Instagram @unamotoring

Bilder: Henner Huflage

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